Ein Kon­zept­wech­sel; wie ge­wohnt aus­ge­bucht; drei Tage im Zei­chen der Lek­tü­re. Un­ser Be­richt zur Win­ter­aka­de­mie des IfS. 

Die 20. Win­ter­aka­de­mie des In­sti­tuts für Staats­po­li­tik be­deu­te­te ei­nen Schnitt: »kei­ne AfD-Pro­mi­nenz, also kei­ne Dau­er­schlei­fe in­mit­ten der rech­ten Ge­sell­schaft des Spek­ta­kels, son­dern Grund­la­gen­ar­beit, Sub­stanz« (Se­zes­si­on-Chef­re­dak­teur und IfS-Mit­grün­der Götz Ku­bit­schek schil­dert hier sei­ne Ein­drücke). Rück­be­sin­nung auf das We­sent­li­che und gei­sti­ge Kärr­ner­ar­beit be­stimm­ten das Pro­gramm, das sich an der Grund­the­ma­tik »Le­sen« ori­en­tier­te, und leg­ten das Fun­da­ment für eine Ver­an­stal­tung, die der Selbst­be­zeich­nung »Aka­de­mie« voll­auf ge­recht wur­de.

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Der Frei­tag­nach­mit­tag

Et­was AfD hat­te die Aka­de­mie dann gleich zu An­fang doch zu bie­ten: Björn Höcke er­öff­ne­te das Wo­chen­en­de mit ei­nem spon­ta­nen Gast­auf­tritt. Da­bei zi­tier­te er im Hin­blick auf die Be­deu­tung der Aka­de­mi­en aus Gerd-Klaus Kal­ten­brun­ners Klas­si­ker »Eli­te – Er­zie­hung für den Ernst­fall« und gab den Teil­neh­mern die De­vi­se des Ta­gungs­wo­chen­en­des mit auf den Weg: Le­sen, le­sen und noch­mal le­sen.

Dar­auf­hin über­nahm IfS-Lei­ter Dr. Erik Leh­nert das Wort und hol­te mit ei­nem Be­zug auf Ray Brad­bu­rys »Fah­ren­heit 451« zur ge­wohn­ten Ein­füh­rung in die Aka­de­mie aus. In die­sem Kon­text zeich­ne­te er die Af­fä­re um Pe­dro Baños Buch »So be­herrscht man die Welt: Die ge­hei­men Geo­stra­te­gi­en der Welt­po­li­tik« nach, um die Me­cha­nis­men des »sanf­ten Bü­cher­ver­bots« zu ver­deut­li­chen. Ob­wohl wir uns noch im re­la­tiv athe­ma­ti­schen Vor­trags­block be­fan­den, sprach Leh­nert gleich meh­re­re Lek­tü­re­emp­feh­lun­gen aus – Um­ber­to Ecos »Der Name der Rose« und »Der Brief­wech­sel« Rein­hart Ko­sel­lecks und Carl Schmitts; was Leh­nert zum An­laß nahm, Brief­wech­sel ge­ne­rell als wah­re Fund­gru­ben der Le­se­emp­feh­lun­gen her­aus­zu­strei­chen –, wor­aus der auf­merk­sa­me Zu­hö­rer die enor­me, auf ihn zu­kom­men­de Lek­türe­dich­te der näch­sten Tage an­ti­zi­pie­ren konn­te.

Fol­gend ob­lag es Dr. Dušan Do­sta­nic – ser­bi­scher Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler, Carl Schmitt-Spe­zia­list aus Bel­grad und wie­der­keh­ren­der Aka­de­mie-Re­fe­rent – mit dem er­sten the­men­be­zo­ge­nen Vor­trag un­ter dem Ti­tel »Ro­man­tik als Kor­sett« den ei­gent­li­chen lek­tü­re­ge­tränk­ten Start­punkt zu set­zen. Er führ­te in die deut­sche Ei­gen­art der Ro­man­tik ein und be­ton­te die si­gni­fi­kan­te Be­deu­tung die­ser Kul­tur­epo­che mit ih­ren zen­tra­len Merk­ma­len des Ir­ra­tio­na­lis­mus und zy­kli­schen Ge­schichts­den­ken wi­der ein li­nea­res Fort­schritts­den­kens für das deut­sche We­sen. Von An­fang bis Ende war der Vor­trag ge­spickt mit de­zen­ten Li­te­ra­tur­hin­wei­sen zur Ro­man­tik: Fried­rich Schle­gel, No­va­lis, Jo­seph Gör­res, Hein­rich von Kleist etc. – Do­sta­nic hob ins­be­son­de­re den ka­tho­li­schen Geist in­ner­halb der Ro­man­tik her­vor.

Nach die­sem ge­lun­ge­nen Grund­la­gen­re­fe­rat über­nahm er­neut Dr. Erik Leh­nert das Mi­kro­fon und se­zier­te im letz­ten Vor­tag für den Frei­tag, »Ge­schichts­den­ker«, die Un­zu­läng­lich­kei­ten der Ge­schichts­phi­lo­so­phie, mit der die Rech­te tra­di­tio­nell ha­dert. In Be­zug auf ihre ei­ge­nen Ge­schichts­theo­re­ti­ker spricht sie da­her meist von »Ge­schichts­den­kern«. Ein we­sent­li­cher Vor­be­halt der Rech­ten: Die Ge­schichts­phi­lo­so­phie fun­gie­re als »wis­sen­schaft­li­ches« Ge­fäß für die Fort­schritts­ideo­lo­gie. Spe­zi­ell Carl Schmitt stand ihr äu­ßerst skep­tisch ge­gen­über – ihn als An­ker­punkt der Kri­tik an der Ge­schichts­phi­lo­so­phie neh­mend, stell­te Leh­nert drei Schü­ler des Plet­ten­ber­ger Mei­ster­den­kers vor, die sei­ne Ab­leh­nung ge­gen­über der Fach­rioch­tung mit ei­ge­nen Ar­bei­ten wei­ter fun­dier­ten: Han­no Ke­sting, Rein­hart Ko­sel­leck und Ar­min Moh­ler.

Von Ke­sting emp­fahl Leh­nert »Ge­schichts­phi­lo­so­phie und Welt­bür­ger­krieg. Deu­tun­gen der Ge­schich­te von der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on bis zum Ost-West-Kon­flikt«, von Ko­sel­leck »Kri­tik und Kri­se. Eine Stu­die zur Pa­tho­ge­ne­se der bür­ger­li­chen Welt« als auch den oben schon er­wähn­ten Brief­wech­sel-Band mit Carl Schmitt und von Ar­min Moh­ler – der so weit ging, die Ge­schichts­phi­lo­so­phie als nicht­exi­stent zu de­kla­rie­ren – den Klas­si­ker »Die kon­ser­va­ti­ve Re­vo­lu­ti­on in Deutsch­land von 1918–1932«. Im Mit­tel­teil sei­nes Re­fe­rats ging er auf das Di­lem­ma Os­wald Speng­lers ein, zwi­schen rech­ter Be­to­nung der Tat und der Er­kennt­nis von Ge­setz­mä­ßig­kei­ten in der Ge­schich­te zu os­zil­lie­ren. In­des ge­hört Speng­lers mo­nu­men­ta­les »Der Un­ter­gang des Abend­lan­des« un­um­stöß­lich zum kon­ser­va­ti­ven Lek­tü­re­ka­non, in das je­der min­de­stens ei­nen Blick ge­wor­fen ha­ben soll­te.

Am Ende sei­nes Vor­trags ver­wies Leh­nert noch auf Rolf Pe­ter Sie­fer­les »Epo­chen­wech­sel« als ei­ner Be­sich­ti­gung des Schlacht­felds der Ge­schich­te, das ein Pan­ora­ma der ge­gen­wär­ti­gen Vor­aus­set­zun­gen (1994) aus­brei­tet. Zur Lek­tü­re emp­fahl er spe­zi­ell das Schluß­ka­pi­tel über die Gren­zen des Uni­ver­sa­lis­mus, in dem die Front zwi­schen Par­ti­ku­la­ri­sten und hu­ma­ni­tä­ren Uni­ver­sa­li­sten prä­zi­se ana­ly­siert wird. Leh­nerts Vor­trag kön­nen Sie hier lau­schen (wei­te­re Vor­trä­ge der Aka­de­mie wer­den suk­zes­si­ve auf un­se­rem You­Tube-Ka­nal ver­öf­fent­licht):

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Der gan­ze Sams­tag

Den Auf­takt für den Aka­de­mie­sams­tag mach­te mit ei­nem Vor­trag über »Lin­ke Lek­tü­ren« Se­zes­si­on-Re­dak­teur Be­ne­dikt Kai­ser.

Lin­ke Lek­tü­re für un­dog­ma­ti­sche, auf­ge­schlos­se­ne Rech­te, so lei­te­te er ein, kön­ne im schlech­ten Fall zu an­de­ren Er­geb­nis­sen füh­ren als zur In­te­gra­ti­on ad­ap­ti­ons­fä­hi­ger Ge­dan­ken des po­li­ti­schen Geg­ners in das ei­ge­ne Welt­bild. Bei Hen­ning Eich­berg etwa sorg­te es für den suk­zes­si­ven Über­gang in das an­de­re po­li­ti­sche La­ger. Da­her skiz­zier­te Kai­ser – bei im Lau­fe des Vor­trags ver­deut­lich­ten Schnitt­men­gen – zu­nächst ent­schei­den­de und blei­ben­de Dif­fe­ren­zen mit der lin­ken fa­mil­le spi­ri­tu­el­le.

Deut­lich wur­de, daß ein »neu­rech­ter« Streif­zug durch lin­ke Li­te­ra­tur das Pri­m­ärz­iel »Ler­nen« um­faßt. Lin­ke Lek­tü­re, ver­an­schau­lich­te Kai­ser, dient nicht der theo­re­ti­schen Selbst­un­ter­hal­tung, son­dern lang­fri­stig dazu, Rea­li­tä­ten zu ver­än­dern, die aber erst sub­stan­ti­ell ver­stan­den und durch­blickt wer­den müs­sen. Hier kön­nen ganz be­stimm­te lin­ke Ana­ly­sen und ganz be­stimm­te lin­ke Den­ker – Kai­ser schick­te eine ak­tu­el­le, bei­spiel­haf­te Elf auf den Platz – hilf­reich sein.

Den jun­gen und zum Teil sehr jun­gen Teil­neh­mern gab der Ken­ner der deut­schen und eu­ro­päi­schen Lin­ken in all ih­ren bis­wei­len bi­zar­ren Ver­äste­lun­gen auf den Weg, daß eine ler­nen­de Lek­tü­re nicht gleich­zu­set­zen ist mit ei­ner nach­ah­men­den Lek­tü­re im Sin­ne ei­ner kri­tik­lo­sen Über­nah­me oder Selbstan­pas­sung an lin­ke Grund­über­zeu­gun­gen und Stand­punk­te. Die­sen schma­len Grat ent­wickel­te er in sei­nem ka­pla­ken-Band Blick nach links, den je­der zwin­gend le­sen soll­te, der sich – gleich wel­cher rech­ter Denk­strö­mung an­ge­hö­rig – an­satz­wei­se auch für eine kri­ti­sche, aber kon­struk­ti­ve Schau lin­ker Theo­rie und Pra­xis in­ter­es­siert.

Als näch­stes gab sich Se­zes­si­on-Au­tor Mar­tin Licht­mesz mit ei­nem kurz­fri­stig ab­ge­än­der­ten Vor­trags­the­ma die Ehre: Aus »Rech­te Klas­si­ker« wur­de »Ar­min Moh­lers Lek­tü­ren«. Hier­bei stell­te er die Ein­gangs­fra­ge »Wir wird man rechts?« und re­flek­tier­te dies­be­züg­lich über sei­ne ei­ge­ne In­itia­ti­on ent­lang der Lek­tü­re von Moh­lers »Die Li­be­ra­len­be­schimp­fung«. Die prä­gen­de Li­te­ra­tur des jun­gen Moh­ler wa­ren Jün­gers »Das Aben­teu­er­li­che Herz« und »Der Ar­bei­ter«.

Die Be­schrei­bung Moh­lers als »Bü­cher­fres­ser«, als ge­ra­de­zu maß­lo­ser Le­ser ließ Licht­mesz an­hand der Scri­bi­fax-Ko­lum­ne Moh­lers in der Zeit­schrift Cri­ti­con (gei­sti­ger Vor­läu­fer der Se­zes­si­on) greif­bar wer­den. Moh­ler emp­fand den »gro­ßen Ro­man« als Ge­gen­gift zur Herr­schaft der Ab­strak­ti­on. Sol­che welt­erschlie­ßen­de Bel­le­tri­stik er­blick­te Moh­ler in Hei­mi­to von Do­de­rers »Die Dä­mo­nen« und »Die Strudl­hof­strie­ge« als auch in Eck­hard Hen­scheids »Ma­ria Schnee – Eine Idyl­le«.

Was ei­nen welt­erschlie­ßen­den Ro­man kenn­zeich­net: die Viel­falt an Ein­drücken, die Dar­stel­lung der Men­schen; kurz und knapp, die nicht gänz­lich in Wor­te zu fas­sen­de Dich­te ei­nes Ro­mans. Ab­schlie­ßend hob Licht­mesz Moh­lers Schwer­punkt der »Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« her­vor, also die Gän­ge­lung der Deut­schen qua ih­rer »Erb­schuld Ho­lo­caust«. Dies­be­züg­lich kann »Der Na­sen­ring. Im Dickicht der Ver­gan­gen­heits­be­wäl­ti­gung« als ex­em­pla­risch gel­ten.

Den letz­ten Vor­trag des Abends hielt der Theo­lo­ge und Po­li­tik­wis­sen­schaft­ler Prof. Fe­lix Dirsch zum »Abend­län­di­schen Den­ken – Ka­tho­li­sche Abend­land­in­ter­pre­ta­tio­nen des 20. Jahr­hun­derts«. Ihm war es haupt­säch­lich dar­an ge­le­gen, den Stu­den­ten den Ka­non ka­tho­li­scher abend­län­di­scher Den­ker nä­her zu brin­gen. Dies voll­führ­te er zu­al­ler­erst über eine Auf­la­dung des Abend­land­be­griffs als Iden­ti­täts­mar­ker im tra­di­tio­na­li­sti­schen, ka­tho­li­schen Sin­ne und rück­te die da­mit ver­bun­de­ne weh­mü­ti­ge Re­tro­spek­ti­ve man­cher Au­toren wie No­va­lis in den Fo­kus.

Für das 20. Jahr­hun­dert iden­ti­fi­zier­te Dirsch die ein­fluß­rei­che »Abend­län­di­sche Be­we­gung« als ent­schei­den­den Trä­ger ka­tho­li­scher Abend­land­kon­zep­tio­nen, die je­doch Mit­te der 1950er Jah­re ih­ren Ze­nit über­schritt und in die Be­deu­tungs­lo­sig­keit ver­sank. Die stän­di­ge Fra­ge, die die abend­län­di­sche De­bat­te be­glei­tet: »Wie­viel Ori­ent steckt im Ok­zi­dent?« Nach die­ser Ein­lei­tung rich­te­te er den Blick auf zwei Schrif­ten, die für das abend­län­di­sche Den­ken un­er­läß­lich wa­ren: Theo­dor Haeckers »Ver­gil, Va­ter des Abend­lan­des« und Her­mann Brochs »Der Tod des Ver­gil«. Wo­bei Haecker den abend­län­di­schen Ge­dan­ken mehr als Broch ver­kör­pe­re. Laut Dirsch setzt jeg­li­ches (ka­tho­li­sches) Reichs­den­ken im Grun­de bei Ver­gil an.

Von die­ser Ba­sis aus mach­te Dirsch im ka­tho­li­schen Abend­land­den­ken ei­nen grund­le­gen­den Kul­tur­pes­si­mis­mus aus, der alle Theo­re­ti­ker die­ser Schu­le ver­ei­ne und hob dies­be­züg­lich Ro­ma­no Guar­di­nis »Das Ende der Neu­zeit« her­vor, das er aus­drück­lich zur Lek­tü­re emp­fahl. Für den ka­tho­li­schen Pes­si­mis­mus be­gin­ne die Epo­che des Zer­falls be­reits mit der Re­for­ma­ti­on, spä­te­stens mit der Fran­zö­si­schen Re­vo­lu­ti­on, so Dirsch.

Ein As­pekt, der auch bei dem von Dirsch an­ge­führ­ten Paul Lud­wig Lands­berg, »Die Welt des Mit­tel­al­ters und wir« aber auch bei dem Kunst­hi­sto­ri­ker Hans Sedl­may­er, »Der Ver­lust der Mit­te«, durch­scheint. Dar­über hin­aus er­wähn­te er noch den eher un­be­kann­ten eng­li­schen Scho­la­ren Chri­sto­pher Daw­son » The Ma­king of Eu­ro­pe: An In­tro­duc­tion to the Hi­sto­ry of Eu­ropean Uni­ty«, um dann mit dem ka­tho­li­schen Hi­sto­ri­ker Hi­l­ai­re Bel­loc, »Die gro­ßen Hä­re­si­en«, zum Schluß zu kom­men.

Wie es sich für eine gute Aka­de­mie ge­hört, klang der Sams­tag­abend nach Dirschs Vor­trag mit ei­nem reich­hal­ti­gen Abend­brot ge­folgt von ge­sel­li­gen Ge­sprächs­run­den aus.

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Der Sonn­tag­vor­mit­tag

Der letz­te Aka­de­mietag soll­te noch zwei Hö­he­punk­te des Wo­chen­en­des be­reit­hal­ten: Dr. Dr. Thor von Wald­steins Vor­trag zu »Staat, Volk, Na­ti­on« und Götz Ku­bit­scheks Re­fle­xio­nen zur »In­ne­ren Emi­gra­ti­on heu­te«.

Von Wald­stein be­gann und mach­te sei­ne Lek­tü­re­be­sich­ti­gung an ih­rer Be­hand­lung des »Vol­kes« fest. Drei deut­sche So­zio­lo­gen un­ter­zog er da­bei ei­ner Tie­fen­be­trach­tung: Max We­ber, Wer­ner Som­bart und Hans Frey­er (Som­bart und Frey­ers Den­ken und Le­ben wer­den in Rolf Pe­ter Sie­fer­les »Die kon­ser­va­ti­ve Re­vo­lu­ti­on. Fünf bio­gra­phi­sche Skiz­zen« ein­ge­hend be­schrie­ben). We­ber, die­sem Aus­nah­me­theo­re­ti­ker, wid­me­te Wald­stein eine aus­gie­bi­ge Schil­de­rung sei­nes Le­bens­laufs, die in ei­ner Dar­le­gung We­bers Kon­zep­ti­on von Volk und Na­ti­on mün­de­te.

Auf der ei­nen Sei­te stand Wald­stein zu­fol­ge der So­zio­lo­ge, der die­se bei­den Grö­ßen so ob­jek­tiv wie mög­lich be­trach­te­te, auf der an­de­ren der po­li­ti­sche, na­tio­na­li­sti­sche Kom­men­ta­tor, der an der Kon­zept­lo­sig­keit des wil­hel­mi­ni­schen Kai­ser­reichs litt. Der theo­re­ti­sche We­ber de­fi­niert eth­ni­sche Grup­pen an­hand ge­mein­sa­mer Spra­che, ge­mein­sam prak­ti­zier­ter Re­li­gi­on und ge­mein­sa­mer Ab­stam­mung (je­doch zur Be­grün­dung nicht aus­rei­chend).

Der po­li­ti­sche We­ber wen­det sich in­des ge­gen die Vor­stel­lung, daß der Staat als in­dis­pensable Vor­aus­set­zung der Na­ti­on fun­gie­re – für ihn ver­leiht der Staat der Na­ti­on le­dig­lich den Rah­men. Wald­stein emp­fahl ins­be­son­de­re We­bers »Wirt­schaft und Ge­sell­schaft« so­wie »Die pro­te­stan­ti­sche Ethik und der Geist des Ka­pi­ta­lis­mus«. All­ge­mein sei­en ei­nem alle Schrif­ten die­ses her­aus­ra­gen­den So­zio­lo­gen ans Herz ge­legt.

Im An­schluß ging Wald­stein auf Wer­ner Som­bart ein, der trotz ehe­ma­li­ger Po­pu­la­ri­tät heu­te in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten ist. Drei Bü­cher des So­zio­lo­gen sind laut Wald­stein es­sen­ti­ell: »Händ­ler und Hel­den«, »Deut­scher So­zia­lis­mus« so­wie »Vom Men­schen«

Der­weil lei­te­te Wald­stein zu Som­barts Volks­be­grif­fen über, von de­nen es bei ihm ei­nen staat­li­chen und eth­ni­schen gibt. Som­bart sieht im »Volk« ein semi-per­me­ab­les Ge­bil­de, von dem sich Be­stän­de ab- und an­kri­stal­li­sie­ren. Fer­ner be­ton­te Wald­stein die Er­kennt­nis des Erms­le­be­ner So­zio­lo­gen, daß der Staat mehr als die Ag­gre­ga­ti­on der ein­zel­nen In­di­vi­du­en ver­kör­pe­re.

Der letz­te im Bun­de des so­zio­lo­gi­schen Tri­um­vi­rats, den Wald­stein den in­ter­es­sier­ten Stu­den­ten vor­stell­te, war der vie­len wohl gänz­lich un­be­kann­te Hans Frey­er. Wie We­ber stand Frey­er dem ma­te­ria­li­sti­schen Zeit­geist des aus­ge­hen­den Kai­ser­reichs ex­pli­zit kri­tisch ge­gen­über. Im Be­son­de­ren be­ton­te Wald­stein Frey­ers drei­fa­che Stu­fen­fol­ge der Volks­wer­dung als ge­schicht­li­cher Auf­ga­be: An er­ster Stel­le steht der Weg des Selbst­be­wußt­seins; dar­auf folgt der Weg der For­mung und mit dem Weg der po­li­ti­schen Ge­stal­tung ist die Ge­ne­se des »Volks« voll­endet.

Das Pro­blem bei Frey­er: Bis auf das im Ka­ro­lin­ger Ver­lag er­schie­ne­ne »Die po­li­ti­sche In­sel« sind sei­ne Ar­bei­ten nur noch an­ti­qua­risch er­hält­lich, teils zu hor­ren­den Prei­sen. Nichts­de­sto­trotz gab Wald­stein eine Li­te­ra­tur­li­ste aus, auf der er spe­zi­ell »Re­vo­lu­ti­on von rechts« und »Ge­mein­schaft und Volk« als zen­tra­le Frey­er­wer­ke ein­ord­ne­te. Wald­stein schloß mit letz­ten Hin­wei­sen zu le­sens­wer­ter Li­te­ra­tur der drei Den­ker.

Nun war Se­zes­si­on-Chef­re­dak­teur Götz Ku­bit­schek an der Rei­he, der mit dem letz­ten Vor­trag der Aka­de­mie auf­war­te­te. Nach­dem er im Hin­blick auf das Su­chen nach po­li­ti­sche aus­schlacht­ba­ren Stel­len in Bü­chern zu­al­ler­erst dar­auf hin­wies, daß zu­vor­derst die Freu­de an der Lek­tü­re im Vor­der­grund ste­hen soll­te, be­gann er mit aus­gie­bi­gen Zi­ta­ten aus dem NZZ-Ar­ti­kel »Un­ser gal­li­ges Ge­läch­ter« der (ost)deutschen Schrift­stel­le­rin Mo­ni­ka Ma­ron, was ihn zu der Fra­ge nach dem Sta­tus der Mei­nungs­frei­heit in der BRD führ­te, und ob es so­was wie eine neue »In­ne­re Emi­gra­ti­on« gäbe.

Um die­se zu be­ant­wor­ten, de­fi­nier­te er den Be­griff der »In­ne­ren Emi­gra­ti­on« und zeich­ne­te den Kon­flikt zwi­schen den Exi­lan­ten und »In­ne­ren Emi­gran­ten« un­ter den deut­schen Schrift­stel­lern wäh­rend der NS-Zeit nach. Ku­bit­schek er­blickt in Ernst Jün­gers »Auf den Mar­mor­klip­pen« das Pa­ra­de­bei­spiel ei­nes dop­pel­bö­di­gen Ro­mans der »In­ne­ren Emi­gra­ti­on«. In die­sem Zu­sam­men­hang be­schrieb er drei be­vor­zug­te The­men der »In­ne­ren Emi­gra­ti­on«: die Me­tho­de des “geo­gra­phi­schen An­ders­wo”, die gleich­nis­haft-ty­po­lo­gi­sche Schil­de­rung und die Schil­de­rung hi­sto­ri­scher Ver­hält­nis­se als Par­al­le­le zur Ge­gen­wart. Das li­te­ra­ri­sche Werk sei da­bei kein po­li­ti­sches, son­dern auch ein po­li­ti­sches Werk. Es kön­ne aber stets ohne die­se zu­sätz­li­che Di­men­si­on ge­le­sen wer­den.

Ex­em­pla­ri­sche Ro­ma­ne aus der Zeit des Na­tio­nal­so­zia­lis­mus sind »Der Groß­ty­rann und das Ge­richt« von Wer­ner Ber­gen­gru­en, »Las Ca­sas vor Karl V.« von Rein­hold Schnei­der, »Der Va­ter« von Jo­chen Klep­per oder auch das bei An­tai­os in ei­ner il­lu­strier­ten Aus­ga­be er­schie­ne­ne » GBockel­son. Ge­schich­te ei­nes Mas­sen­wahns« von Fried­rich Reck-Mallec­ze­wen.

Bei­spie­le für eine heu­ti­ge »In­ne­re Emi­gra­ti­on« er­kennt Ku­bit­schek in­des­sen im Ab­wä­gen jeg­li­chen Spre­chens auf der Gold­waa­ge und in den sub­ti­len Me­cha­nis­men so­zia­len Drucks, die sich am Um­gang der Öf­fent­lich­keit mit dem »Ket­zer« Uwe Tell­kamp her­aus­kri­stal­li­sie­ren. Auf­grund die­ser pas­si­ven Zen­sur spricht er von ei­ner Ver­bor­gen­heit der neu­en »In­ne­ren Emi­gra­ti­on«, die sich je­doch in ei­ner ih­rem Selbst­ver­ständ­nis nach “of­fe­nen Ge­sell­schaft” zu be­we­gen habe und in gro­ßen Ver­lags­häu­sern wie ein­ge­paßt er­schei­nen könn­ten.

Ku­bit­schek führ­te sei­ne An­nä­he­rung und Ar­beits­the­se an vier Bei­spie­len aus:»Munin oder Cha­os im Kopf« von Mo­ni­ka Ma­ron, »Das Ei­gent­li­che« von Iris Ha­ni­ka, »Fol­lo­wer« von Eu­gen Ruge und »Pro­pa­gan­da« von Stef­fen Ko­petz­ky. Zu Ko­petz­kys »Pro­pa­gan­da« steu­er­te der AfD-Land­tags­ab­ge­ord­ne­te Dr. Hans-Tho­mas Till­schnei­ders den Be­griff »ver­klemm­te Fas­zi­na­ti­on« bei (sie­he hier wie­der Ku­bit­scheks Nach­be­trach­tun­gen).

In der aus­führ­li­chen Dar­le­gung des In­halts der vier auf­ge­führ­ten Bü­cher fand die wahr­lich ge­lun­ge­ne 20. Win­ter­aka­de­mie schließ­lich ihr ge­bühr­li­ches Ende. Wie der de­tail­lier­te Aka­de­mie­be­richt mit all sei­nen Li­te­ra­tur­hin­wei­sen er­ken­nen läßt, war es eine der ge­halt­voll­sten Aka­de­mi­en seit ih­rer er­sten Aus­rich­tung. Sie hat ge­zeigt, wel­che in­tel­lek­tu­el­le Kraft in un­se­rem Mi­lieu steckt und nicht zu­letzt noch un­ab­ge­ru­fen schlum­mert.

Au­ßer­dem hat das Vor­trags­wo­chen­en­de nach­drück­lich be­wie­sen, was Ku­bit­schek in sei­nem Vor­trag auch aus­drück­lich un­ter­stri­chen hat­te: Ein Kul­tur­pes­si­mis­mus ge­gen­über zeit­ge­nös­si­scher Li­te­ra­tur ist nicht an­ge­bracht – Gute Ro­ma­ne und gute Schrift­stel­ler fin­den sich im­mer noch. Wer sucht, der wird fün­dig.