Führung

Führung beze­ich­net das poli­tis­che, mil­itärische, religiöse und soziale Anleit­en men­schlich­er Grup­pen. Dabei spielt der Besitz von Gewalt­mit­teln eine, aber nicht unbe­d­ingt die auss­chlaggebende Rolle. Sehr oft ist “Lei­den­schaft” (Robert Michels) im Spiel; die Lei­den­schaft des Führers, die die Lei­den­schaft der Geführten zu weck­en und lebendig zu erhal­ten weiß. Die Notwendigkeit von Führung war für die läng­ste Zeit der Geschichte unbe­strit­ten. Abge­se­hen von kleinen und ins­ge­samt unbe­deu­ten­den Strö­mungen, die anar­chis­tis­chen Ideen fol­gten, hat die über­wiegende Mehrzahl der Men­schen immer gewußt, daß Führung unab­d­ing­bar und daß nicht jed­er zur Führung befähigt ist.
 
Legt man der Betra­ch­tung die von Max Weber iden­ti­fizierten For­men legit­imer Herrschaft — die charis­ma­tis­che, die tra­di­tionelle und die ratio­nale — zugrunde, wird aber erkennbar, wieso es in der Mod­erne zu ein­er Krise des Führungs­be­griffs kom­men mußte. Die Ursachen dafür waren:
 
1. die Macht des Gle­ich­heits­gedankens, der jede qual­i­ta­tive Unter­schei­dung, auch die von Führer und Geführten in ein “aufreizen­des Bild” (Han­no Kest­ing) ver­wan­delte;
2. ein gesellschaftlich­er Prozeß, der zu bewirken schien, daß es keine andere als die ratio­nale Herrschaft mehr geben könne, die als unper­sön­liche — qua­si tech­nis­che — und damit objek­tive vorgestellt wurde;
3. ein Konzept, das aber zwangsläu­fig Unbe­ha­gen her­vor­rief, und das nicht nur wegen der Anonymität der neuen Mach­tausübung, son­dern auch weil sie der demokratis­chen Ten­denz der Mod­erne wider­sprach, die direk­te Teil­habe am poli­tis­chen Prozeß forderte.
 
Infolgedessen wur­den seit dem 19. Jahrhun­dert, in enger Berührung mit der Eli­ten­de­bat­te, von ver­schiede­nen Seit­en Vorschläge gemacht, wie unter den Bedin­gun­gen der Mas­sen­ge­sellschaft (Masse) eine den verän­derten Bedin­gun­gen angemessene Führungss­chicht gebildet wer­den kön­nte. In Deutsch­land beteiligten sich beson­ders lib­erale The­o­retik­er an dieser Diskus­sion (Hein­rich von Tre­itschke, Walther Rathenau, Max Weber, Friedrich Nau­mann, Hugo Preuß, Gus­tav Rad­bruch), die in den Mit­telpunkt eine umfassende Erziehungsar­beit stell­ten, die ein­er­seits den Geführten die Unumgänglichkeit ein­er gewis­sen Ungle­ich­heit deut­lich machen, ander­er­seits eine poli­tis­che Klasse for­men helfen sollte, die ihren Auf­gaben bess­er gewach­sen sei als eine zufäl­lige Auswahl von Dilet­tan­ten. 
 
Der­ar­tige Konzepte waren nicht umset­zbar, aber nach dem Zusam­men­bruch der alten Ord­nung am Ende des Ersten Weltkriegs kon­nte ein Gus­tav Rad­bruch noch äußern, daß die Demokratie über­haupt nur dann legit­im sei, wenn sie die beste “Führerauslese” gewährleiste. Dabei stand die — begrün­dete — Sorge im Hin­ter­grund, die neue Repub­lik könne keine Elite her­vor­brin­gen, die der des Kaiser­re­ichs ver­gle­ich­bar sei. Umgekehrt hat man nach 1945 in Deutsch­land den Begriff des “Führers” eben­so wie den der Führung lange Zeit ganz zu ver­mei­den gesucht. Von der Sache her war das natür­lich nicht möglich, so daß sich zuerst auf dem Feld der Wirtschaft eine Rückbesin­nung auf ältere Ein­sicht­en zeigte. Die Vorstel­lung allerd­ings, daß der “Fach­mann” als “Typus” (Arnold Gehlen) die notwendi­ge Führungsleis­tung erbrin­gen werde, erwies sich als irrig.
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Zitate:
Poli­tis­che Gle­ich­heit ist nicht nur eine Torheit, son­dern ein Traum. Es ist müßig zu erörtern, ob sie existieren solle, denn sie kann nie existieren. Was immer der geschriebene Text der Ver­fas­sung sein mag, die Menge wird immer Führer haben, die sie sich nicht selb­st gewählt hat. Wenn die Men­schen wollen, mögen sie den Anschein poli­tis­ch­er Gle­ich­heit ver­fecht­en, aber die einzige Folge wird sein, daß sie schlechte Führer haben wer­den.
Robert Cecil, Lord Sal­is­bury
 
Die Gle­ich­heit der Rechte und Pflicht­en — ist ein unstaatlich­es Prinzip, als solch­es im poli­tis­chen wie im wirtschaftlichen Leben unfrucht­bar, entwick­lung­sun­fähig.
Hugo Preuß
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Lit­er­atur:
  • Führung in ein­er frei­heitlichen Gesellschaft, Veröf­fentlichun­gen der Wal­ter-Ray­mond-Stiftung, Bd 11, Köln und Opladen 1969
  • Han­no Kest­ing: Herrschaft und Knechtschaft, Freiburg i.Br. 1973
  • Joachim H. Knoll: Führungsauslese in Lib­er­al­is­mus und Demokratie, Stuttgart 1957
  • Robert Michels: Masse, Führer, Intellek­tuelle. Poli­tisch-sozi­ol­o­gis­che Auf­sätze 1906–1933, Frank­furt a.M. und New York 1987