Werner Müller, geboren am 22. Mai 1907 in Emmerich, war ein deutscher Ethnologe. Nach dem Studium der Geographie, Völkerkunde, Geschichte und Religionswissenschaft in Göttingen, Berlin und Bonn promovierte er 1930 in Bonn mit einer religionswissenschaftlichen Dissertation. 1933 trat er in den Bibliotheksdienst der Stadt Berlin ein. 1942 habilitierte er sich in Völkerkunde an der Reichsuniversität Straßburg. Eine ihm dort im November 1944 verliehene Dozentur für Religionswissenschaften konnte er wegen des Kriegsgeschehens nicht mehr antreten. Vermutlich wegen seiner Mitgliedschaft in der NSDAP (seit 1933) und der SS (seit 1940) und seiner Tätigkeit in der Stiftung „Ahnenerbe“ blieb ihm nach 1945 eine Universitätslaufbahn verwehrt. Bis 1955 mußte er von Stipendien der Deutschen Forschungsgemeinschaft und vom Einkommen seiner als Jugendbuchautorin erfolgreichen Ehefrau Anna Tannewitz leben. Erst ab 1955 konnte er in Berlin den Bibliotheksdienst wieder aufnehmen; 1965 trat er den Dienst an der Universitätsbibliothek Tübingen an. Dort wurde er 1972 als Oberbibliotheksrat pensioniert.
Das wissenschaftliche Werk des umfassend gebildeten Werner Müller spiegelt sein leidenschaftliches Interesse für historisch-religionsgeschichtliche Forschungen wider. Grundlegende Veröffentlichungen über die Religionen der nordamerikanischen Indianer sicherten ihm den Ruf, einer der besten Kenner dieser Materie zu sein. Dies, und sein Faible für die Formen des Naturdenkens und ‑handelns in vormodernen und außereuropäischen Kulturen führte ihm in den 70er und 80er Jahren eine Reihe von treuen Anhängern in den seinerzeit jüngeren Ethnologengenerationen zu (u.a. Hans Peter Duerr), die auch gegenüber Müllers nationalsozialistischer Vergangenheit gelassener waren, als es die heutigen z.T. manichäisch urteilenden akademischen Enkel- und Urenkel sind. In diesen Kreisen wurden auch seine kleineren Schriften teilweise editorisch betreut und so über die engeren Fachgrenzen hinaus einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht (z.B. Neue Sonne — Neues Licht, 1981). Der polemisch-modernekritische Ton in diesen Aufsätzen, die Müller als genuin Konservativen ausweisen, kann noch heute mitreißen, auch wenn er dabei den Bogen gelegentlich überspannt und z.B. die nordamerikanischen Indianer zu naturschützenden Umweltheiligen verklärt (was aus heutiger geschichtlich-ethnographischer Forschung nicht haltbar ist).
Sein symbolgeschichtliches Interesse führte Müller in seinem Buch Die heilige Stadt (1961) weit über die von Ethnologen i.a. behandelten Themen und Regionen hinaus. In diesem Werk, wie auch in seinen Büchern über Glauben und Denken nordamerikanischer Indianer, wendet er sich dem Bilddenken früherer Epochen der Menschheit zu, das dem Menschen der Jetztzeit fremd geworden ist. Auch in seinem letzten Buch Amerika — die Neue oder die Alte Welt? (1982) zeigt sich Müller als jemand, den man heute wohl „Querdenker“ nennen würde. Er stellt sich darin mit nicht leicht zu widerlegenden Argumenten gegen die herrschende wissenschaftliche Lehre von der Besiedlung Amerikas aus Asien über die Beringstraße und versucht darzulegen, daß das steinzeitliche Europa aus Amerika kulturelle Impulse empfing. Das Schweigen der Fachwelt zu dieser These bedeutet nicht unbedingt, daß sie falsch sein muß und da nur eine verschwindend kleine Minderheit heutiger US-amerikanischer Kulturwissenschaftler Deutsch lesen kann, ist es der dortigen Archäologie unbekannt geblieben.
So steht das Werk des ethnologischen Außenseiters Werner Müller heute im deutschsprachigen Raum wie ein erratischer Block in einer fachlichen Umwelt, die nicht nur jegliches Interesse an Mythos und Symbolik verloren hat, sondern die sich auch für kulturhistorische Fragen schlichtweg nicht mehr interessiert. Daher bergen die Werke Müllers einen Schatz an Wissen und Erkenntnissen, der darauf wartet, von neuen Wissenschaftlergenerationen geborgen zu werden.
Werner Müller verstarb am 7. März 1990 in Bad Urach.
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Zitat:
Die Herauspräparierung der politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen Realitäten — ein Abzweig des modernen Tatsachenaberglaubens — entfernt die geschichtlichen Fächer von der Grundaufgabe des Verstehens in einem Ausmaße ohnegleichen. Für die Erkenntnis vorwiegend mythisch gelenkter Epochen wie des Mittelalters zeitigt sie nur Halbwahrheiten.
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Schriften:
- Die Blaue Hütte. Zum Sinnbild der Perle bei nordamerikanischen Indianern, Wiesbaden 1954
- Die Religionen der Waldlandindianer Nordamerikas, Berlin 1956
- Die heilige Stadt. Roma quadrata, himmlisches Jerusalem und die Mythe vom Weltnabel, Stuttgart 1961
- Glauben und Denken der Sioux. Zur Gestalt archaischer Weltbilder, Berlin 1970
- Neue Sonne — Neues Licht. Aufsätze zu Geschichte, Kultur und Sprache der Indianer Nordamerikas (hrsg. und eingeleitet von Rolf Gehlen und Bernd Wolf), Berlin 1981
- Amerika — Die Neue oder die Alte Welt?, Berlin 1982
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Literatur:
- Berthold Riese: Werner Müller. Neue Deutsche Biographie Bd. 18, Berlin 1997
- Karlheinz Weißmann: Eliade und Werner Müller. Sezession (2007), Heft 16
- Unter dem Pflaster liegt der Strand Bd. 11 (1982), Sonderband zu Werner Müllers 75. Geburtstag