Erwin Scheuch — Meinungsforscher, 1928–2003

Stete Offen­heit für neue Erfahrun­gen mit Men­schen war ein wesentlich­er Zug in Scheuchs Per­sön­lichkeit. Sie führte den Jüngling aus der Reserve gegenüber dem NS-Staat zur Befür­wor­tung der bun­des­deutschen Nachkriegsre­pub­lik mit ihrer demokratis­chen und mark­twirtschaftlichen Ord­nung, drängte den eher linkslib­eralen SPD-Sym­pa­thisan­ten zum deut­lichen Protest gegen Umstände und Begleit­fol­gen der 68er Revolte in Bil­dungswe­sen und Medi­en­land­schaft, ließ den inter­na­tion­al anerkan­nten Mei­n­ungs- und Sozial­forsch­er am Ende seines Lebens sog­ar kri­tis­che Worte über seine geliebten Vere­inigten Staat­en find­en.

Aus ärm­lichen Ver­hält­nis­sen kom­mend, vere­inigten sich bei Scheuch Ehrgeiz, Tatkraft, intellek­tuelle Neugi­er und Begabung zu ein­er steilen Kar­riere. Zunächst arbeit­ete Scheuch, geboren am 9. Juni 1928, nach dem Abitur 1948 als Rund­funkjour­nal­ist in Köln, studierte anschließend dort Volk­swirtschaft und Sozi­olo­gie (Dipl.- Volk­wirt 1953, Pro­mo­tion 1956). Als Schüler des aus der Emi­gra­tion zurück­gekehrten René König avancierte er rasch zur Meth­o­d­e­nau­torität der deutschen Sozi­olo­gie, wurde 1961 in Köln habil­i­tiert, und nach mehreren USA-Aufen­thal­ten (1951 B.A., 1959–60; 1962–1964 Lec­tur­er in Har­vard, unter anderem für Mil­itär­sozi­olo­gie) schon 1965 zum Pro­fes­sor für Sozi­olo­gie ernan­nt. Er grün­dete Forschungsin­sti­tute und –ini­tia­tiv­en und wirk­te in zahllosen Gremien und Arbeit­skreisen mit.

Inhaltlich tat er sich vor allem mit Unter­suchun­gen zum Wahl- und Freizeitver­hal­ten der Deutschen her­vor. Ein­er bre­it­eren Öffentlichkeit wurde Scheuch erst im Zusam­men­hang mit den Umbrüchen nach 1968 bekan­nt, in denen er anfänglich noch eine his­torisch berechtigte Kor­rek­tur zu dem von ihm als restau­ra­tiv erlebten Ade­nauer-Staat ver­mutete, aber bald zu einem der schärf­sten Kri­tik­er der APO wurde. Scheuch urteilte nicht deduk­tiv auf­grund ein­er weltan­schaulichen Grun­dori­en­tierung, son­dern als betrof­fen­er Bürg­er und Hochschullehrer, als ein mit his­torischen und sozialen Fak­ten ver­trauter Empirik­er und als Vertei­di­ger unseres Gemein­we­sens (Per­sön­lich hat er übri­gens sein Umschwenken immer bestrit­ten, nur der Zeit­geist habe sich geän­dert). Scheuch äußerte sich nun scho­nungs­los und sprach­mächtig zu all­ge­mein­poli­tisch brisan­ten The­men, was ihm selb­st in seinem eige­nen Fach, der Sozi­olo­gie, den despek­tier­lichen Ruf eines Kon­ser­v­a­tiv­en und Recht­en ein­brachte.

Wesentlich­er Bestandteil sein­er Pub­lizis­tik bildete die Auseinan­der­set­zung mit der Kul­tur­in­tel­li­genz (Kün­stler, Wis­senschaftler, Jour­nal­is­ten, Funk­tionäre) in der massen­medi­al geprägten Mod­erne. Er sah in ihr einen neuen Klerus, der sich im Besitz der his­torischen Wahrheit wähne, über die richti­gen Bedürfnis­la­gen der Men­schen befinde und an die kalkulier­bare Mach­barkeit gesellschaftlich­er Struk­turen glaube. Die Sozial­wis­senschaften liefer­ten dazu nicht mehr wis­senschaftliche Befunde, son­dern ein qua­sithe­ol­o­gis­ches Heil­swis­sen ein­er vol­lkomme­nen Gesellschaft. So hätte sich die aufk­lärerische Funk­tion der Intellek­tuellen mit ihrer wach­senden Macht­teil­habe in Gege­naufk­lärung ver­wan­delt.

Beson­ders bemän­gelte er die ablehnende Hal­tung viel­er Link­er zur Wiedervere­ini­gung und ihr ide­al­isiertes DDR-Bild. Zahlre­iche ihrer Behaup­tun­gen fehle der Real­itäts­bezug. So sei Deutsch­land [1991] nach allen empirisch-sta­tis­tis­chen Unter­suchun­gen ein Land, in dem es keine extremen poli­tis­chen Strö­mungen gebe und auch keine aus­län­der­feindliche Stim­mung, die west­lichen Werte wären längst akzep­tiert; es lasse sich im Gegen­teil ein deutsch­er Son­der­weg eher bei den Grü­nen in ihrer tech­nik- und kon­sum­feindlichen und außen­poli­tisch neu­tral­is­tis­chen Hal­tung aus­machen. Die schein­bare Kon­ver­sion ehe­ma­liger Sozial­is­ten zu west­lichen Prinzip­i­en war für ihn lediglich der Über­gang von der marx­is­tis­chen Kri­tik der Ökonomie zur Kri­tik des kul­turellen Über­baus. Scheuch beschränk­te seine Angriffe keines­falls auf die Linke, auch das ethis­che Ver­sagen der Funk­tion­seliten in Wirtschaft, Poli­tik und Ver­bandswe­sen prangerte er an (Scheuch war einige Jahre Mit­glied der CDU gewe­sen). Zeitweilig kon­nte man ihn für das Sprachrohr des kleinen Mannes hal­ten, ohne daß es ihm gelun­gen wäre, dauer­haft in die Domä­nen der öffentlichen Mei­n­ung einzu­drin­gen.

Erwin Karl Scheuch ver­starb am 12. Okt. 2003 in Köln.

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Zitat:

Es sei hier behauptet, daß das wichtig­ste Mit­tel zur Ver­ringerung von Kom­plex­ität in mod­er­nen Gesellschaften die Moral­isierung von Sach­prob­le­men ist.

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Schriften:

  • Kul­tur­in­tel­li­genz als Macht­fak­tor? Intellek­tuelle zwis­chen Geist und Poli­tik, Zürich 1974
  • Muß Sozial­is­mus mißlin­gen? Sieben Auf­sätze, Asendorf 1991
  • Wie deutsch sind die Deutschen? Eine Nation wan­delt ihr Gesicht, Ber­gisch-Glad­bach 1991
  • Cliquen, Klün­gel und Kar­ri­eren. Über den Ver­fall der poli­tis­chen Parteien, Rein­bek 1992
  • (mit Ute Scheuch) USA — ein mar­o­der Gigant? Ameri­ka bess­er ver­ste­hen, Freiburg i.Br./Basel/Wien 1992
  • Die Spendenkrise. Parteien außer Kon­trolle, Rein­bek 2000
  • (mit Ute Scheuch) Deutsche Pleit­en. Man­ag­er im Größen­wahn, Rein­bek 2001
  • Sozialer Wan­del, Wies­baden 2003

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Lit­er­atur:

  • Karl-Sieg­bert Rehberg: Nekrolog, in: Köl­ner Zeitschrift für Sozi­olo­gie 55 (2003), Heft 4
  • Ute Scheuch: Erwin K. Scheuch. Eine Biogra­phie, Bad Schussen­ried 2008
  • Ute Scheuch: Erwin K. Scheuch im roten Jahrzehnt, Ber­gisch-Glad­bach 2008