Maschke, Günter, Privatgelehrter, 1943–2022

Gün­ter Maschke wurde am 15. Jan­u­ar 1943 in Erfurt geboren und kam 1949 als Adop­tivkind mit sein­er Fam­i­lie nach Tri­er. Er ver­ließ mit der mit­tleren Reife die Schule und absolvierte eine Lehre als Ver­sicherungskauf­mann, schloß sich zuerst der kom­mu­nis­tis­chen Tarnor­gan­i­sa­tion „Deutsche Frieden­sunion“, dann der ille­galen KPD an und besuchte Vor­lesun­gen an der Tech­nis­chen Hochschule in Stuttgart. Maschke kam dadurch in Kon­takt mit der linken stu­den­tis­chen Szene (unter anderem lernte er Gudrun Ensslin ken­nen, deren Schwest­er Johan­na er in erster Ehe heiratete), wech­selte nach Tübin­gen und hörte Philoso­phie bei Ernst Bloch. Gle­ichzeit­ig arbeit­ete er als Redak­teur ein­er marx­is­tis­chen Stu­den­ten­zeitung und beteiligte sich an der „Sub­ver­siv­en Aktion“, einem Vor­läufer der leg­endären „Kom­mune 1“, dann an der Arbeit des Sozial­is­tis­chen Deutschen Stu­den­ten­bun­des (SDS). 1965 desertierte Maschke aus der Bun­deswehr und floh nach Paris, kon­nte dort allerd­ings keinen Unter­schlupf find­en und kam über Zürich nach Wien, wo er bald zu den Zen­tral­fig­uren der Neuen Linken gehörte. Nach ein­er Anti-Viet­nam-Demon­stra­tion wurde er 1967 ver­haftet. Ein Sitzstreik vor dem Polizeige­fäng­nis ver­hin­derte die geplante Aus­liefer­ung an die Bun­desre­pub­lik, und die öster­re­ichis­chen Behör­den erlaubten Maschke die Abreise nach Kuba, dem einzi­gen Staat, der bere­it war, ihm Asyl zu gewähren.

Die Armut und der total­itäre Charak­ter des dor­ti­gen Sys­tems behagten ihm aber so wenig wie der kap­i­tal­is­tis­che West­deutsch­lands. Wegen „kon­ter­rev­o­lu­tionär­er Ver­schwörung“ erneut inhaftiert, schob ihn die kuban­is­che Regierung nach Madrid ab. Schließlich kehrte Maschke in die Bun­desre­pub­lik zurück, trat die ausste­hende Gefäng­nis­strafe an und arbeit­ete nach sein­er Freilas­sung als Jour­nal­ist. Viele sein­er Arbeit­en dien­ten der Selb­stkri­tik, zuerst aus ein­er unortho­dox-linken, dann aus ein­er lib­eralen, zulet­zt aus ein­er kon­ser­v­a­tiv­en Posi­tion. Sein Ori­en­tierungspunkt wurde Carl Schmitt, dessen Schriften er schon länger gekan­nt, aber als Äußerun­gen des Fein­des wahrgenom­men hat­te. Das änderte sich drama­tisch seit dem Ende der siebziger Jahre. Jeden­falls zeigten viele Texte, die er als Redak­teur der Frank­furter All­ge­meinen veröf­fentlichte, einen zunehmend schär­fer­en Ton. Maschke bedi­ente sich ein­er an Schmitt geschul­ten Begrif­flichkeit und ein­er Lust, den Geg­n­er zu reizen, die nur geduldet wurde, so lange ihm der Ruf anhing, ein selt­samer Link­er, aber eben doch ein Link­er zu sein. Das änderte sich nach einem Gen­er­alan­griff auf Jür­gen Haber­mas, der Maschkes Auss­chei­den aus der FAZ erzwang.

Seit­dem hat Maschke als „heimat­los­er Rechter“, Exeget und Fort­set­zer Schmitts Außeror­dentlich­es geleis­tet und geholfen, die großen Kon­ter­rev­o­lu­tionäre – allen voran Donoso Cortés – der Vergessen­heit zu entreißen. Sein prä­gen­der Ein­fluß auf das Pro­gramm des Wiener Karolinger-Ver­lages oder die von ihm mit her­aus­gegebene Zeitschrift Etappe sprechen für sich. Er gehörte ohne Zweifel zu den bedeu­tend­sten recht­en Intellek­tuellen der Nachkriegszeit, wen­ngle­ich er jede Hoff­nung auf prak­tis­che Wirk­samkeit längst begraben hat­te.

Gün­ter Maschke ver­starb am 7. Feb­ru­ar 2022 in Frank­furt am Main.

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Zitat:

…wenn man hier und ander­swo gewisse Büch­er­schränke betra­chtet, gewisse rechte Büch­er­schränke, so find­et sich darin nur Pub­lizis­tik, Zeit­geschichte und der­gle­ichen. Natür­lich, auch das muß man lesen. Aber ich kenne rel­a­tiv bekan­nte Autoren der Recht­en, die noch nie ein klas­sis­ches Werk der Poli­tik­wis­senschaft im weitesten Sinne, sei es nun Tac­i­tus, Toc­queville oder Carl Schmitt, gele­sen haben, die aus zweit­er oder gar drit­ter Hand leben. Das ist ein­fach die wahrhaft erschüt­ternde Sit­u­a­tion. Man muß sehen, daß mehr getan wird und auch, daß ein jahrzehn­te­lang umkon­di­tion­iertes Volk mit einem völ­lig ver­schüt­teten Bewußt­sein nicht durch ein paar witzige For­mulierun­gen oder ein paar flotte Phrasen kuri­ert wer­den kann. Die Rechte muß intellek­tuell und wis­senschaftlich ern­sthafter wer­den, wozu es auch Ansätze gibt.

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Schriften:

  • Kri­tik des Guerillero. Zur The­o­rie des Volk­skriegs, Frank­furt a.M. 1973
  • Der Tod des Carl Schmitt. Apolo­gie und Polemik, Wien 1987
  • als Hrsg.: Carl Schmitt. Staat – Großraum – Nomos, Arbeit­en aus den Jahren 1916 – 1969, Berlin 1995
  • Das bewaffnete Wort. Auf­sätze aus den Jahren 1973 — 93, Wien/ Leipzig 1997
  • als Hrsg.: Carl Schmitt. Frieden oder Paz­i­fis­mus? Arbeit­en zum Völk­er­recht und zur inter­na­tionalen Poli­tik 1924 – 1978, Berlin 2005

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Lit­er­atur:

  • Liber Ami­co­rum ofre­ci­do a Gün­ter Maschke — Festschrift für Gün­ter Maschke, Empre­sas Políti­cas 7 (2008), Heft 10/11