Schwidetzky, Ilse, Anthropologin, 1907–1997

Ilse Schwidet­zkys Lebenswerk galt der biol­o­gis­chen Anthro­polo­gie, die als Grund­la­gen­wis­senschaft für ein real­is­tis­ches, kon­ser­v­a­tives Men­schen­bild von großer Bedeu­tung ist. Schwidet­zky, geboren am 6. Sep­tem­ber 1907 in lis­sa (Prov­inz Posen) studierte Geschichte, Biolo­gie und Anthro­polo­gie in Leipzig und Bres­lau. Seit den 1930er Jahren war sie die Assis­tentin des Bres­lauer Anthro­polo­gen Egon von Eick­st­edt.

1939 erfol­gte ihre Habil­i­ta­tion, ein Jahr später heiratete sie den Kauf­mann Bern­hard Rös­ing. Der Ehe entstam­men drei Kinder, darunter die Eth­nolo­gin Ina Rös­ing und der Anthro­pologe Friedrich W. Rös­ing. Ihr Mann kam 1944 beim Ein­satz nach einem Bombe­nan­griff ums Leben. Nach dem Krieg war Schwidet­zky Dozentin in Mainz, wo das von Egon von Eick­st­edt neuge­grün­dete Insti­tut für Anthro­polo­gie die Tra­di­tion des Bres­lauer Insti­tuts fort­führte. Nach von Eick­st­edts Emer­i­tierung 1961 wurde Schwidet­zky seine Nach­fol­gerin als Direk­torin des Insti­tutes. 1975 emer­i­tiert, war sie noch bis ins hohe Alter wis­senschaftlich tätig.

Egon von Eick­st­edt hat­te einen ganzheitlich­lichen Ansatz der Anthro­polo­gie vertreten, in dem die mor­phol­o­gis­che Gestalt, die Psy­che, die Geo­gra­phie und die Geschichte eine große Rolle spiel­ten. Sie stand im Gegen­satz zu der human­genetis­chen Schule Eugen Fis­ch­ers, die sich mehr mit Einzelmerk­malen und ihren Erbgän­gen befaßte. Ilse Schwidet­zkys führte den Eick­st­edtschen Ansatz fort, wobei ihre wis­senschaftlichen Arbeit­en sich durch unaufgeregte Sach­lichkeit ausze­ich­nen, ins­beson­dere fehlen alle irgend­wie exzen­trischen Ten­den­zen, die für viele ihrer männlichen Kol­le­gen charak­ter­is­tisch waren.

Nach­dem die deutsche Anthro­polo­gie und viele ihrer führen­den Vertreter, ins­beson­dere der Berlin­er Schule um Eugen Fis­ch­er, durch ihre Ver­strick­ung in den Nation­al­sozial­is­mus stark belastet waren, hat­te Ilse Schwidet­zky einen großen Anteil an dem Wieder­erste­hen der deutschen Anthro­polo­gie nach dem Kriege und ihrer Wiedere­ingliederung in die inter­na­tionale Wis­senschaft, wobei ihr Sprachken­nt­nisse und Kon­tak­te zu vie­len aus­ländis­chen Kol­le­gen halfen.

Schwidet­zkys Forschungss­chw­er­punkt war die Bevölkerungs­bi­olo­gie leben­der und his­torisch­er Bevölkerun­gen. Sie war an mehreren groß angelegten region­alan­thro­pol­o­gis­chen Unter­suchun­gen führend beteiligt: in den 30er Jahren in Schle­sien und in den 50er bis 70er Jahren in West­falen, Rhein­land-Pfalz, auf den Kanarischen Inseln und auf Sar­dinien. In diesen Unter­suchun­gen ging es nicht nur um die Beziehun­gen zwis­chen dem anthro­pol­o­gis­chen Merk­mals­bild der Bevölkerung und der Bevölkerungs­geschichte, son­dern auch um die Bedeu­tung sozialan­thro­pol­o­gis­ch­er Siebung­sprozesse und psy­cho-soma­tis­ch­er Kor­re­la­tion.

In den 60er Jahren begrün­dete sie eine Daten­bank zur prähis­torischen und his­torischen Anthro­polo­gie Europas, die zur Grund­lage mehrerer umfassender Stu­di­en wurde. Nach dem Tod von Karl Saller über­nahm sie die Her­aus­gabe der Ras­sen­geschichte der Men­schheit, in der bis 1993 vierzehn Liefer­un­gen erschienen und für die sie den Beitrag über Deutsch­land schrieb und an zahlre­ichen anderen Beiträ­gen mitwirk­te. Neben ihren vie­len Forschungsar­beit­en ver­faßte Schwidet­zky mehrere the­ma­tis­che Gesamt­darstel­lun­gen zur Anthro­polo­gie, von denen vor allem die Grundzüge der Völker­biolo­gie (1950) und das Fis­ch­er-Lexikon Anthro­polo­gie (1959) her­vorzuheben sind.

Die Mainz­er Schule der Anthro­polo­gie war bis in die 1980er Jahre führend in Deutsch­land, dann wurde sie von ein­er Göt­tinger Schule mit poli­tisch-kor­rek­ter Ten­denz abgelöst, die sich von den klas­sis­chen The­men der Anthro­polo­gie abwandte und sich mehr als tech­nis­che Hil­f­swis­senschaft der Archäolo­gie ver­ste­ht.

Ilse Schwidet­zky starb am 18. März 1997 in Mainz.

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Zitat:

Mit der Ein­schmelzung Fremder ändern die Völk­er Gestalt und Wesen. Das Erbgut der einst Frem­den, das im neuen Volk­skör­p­er kreist, wirkt nun­mehr mit an der Vari­abil­ität der kör­per­lichen sowohl wie der seel­is­chen Merk­male der Gruppe, von den groben Kennze­ichen des äußeren Erschei­n­ungs­bildes bis zu den fein­sten Charak­terzü­gen und geisti­gen Hochleis­tun­gen… Dieser Wan­del durch Ein­volkung Fremder kann soweit gehen, daß sich im Laufe der Geschichte der biol­o­gis­che Inhalt, der einem Volk­sna­men mit aller damit ver­bun­de­nen Tra­di­tion entspricht, ein völ­lig ander­er wird.

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Schriften:

  • Grundzüge der Völker­biolo­gie, Stuttgart 1950
  • Der Men­sch als Geschicht­squelle, in: Geschichtliche Lan­deskunde und Uni­ver­salgeschichte, Ham­burg 1951
  • Das Prob­lem des Völk­er­todes, Stuttgart 1954
  • Das Men­schen­bild der Biolo­gie, Stuttgart 1959 (2. Aufl. 1970)
  • (mit G. Heber­er u. G. Kurth) Fis­ch­er-Lexikon Anthro­polo­gie, Frank­furt a.M. 1959 (2. umgearb. Aufl. 1970)
  • Haupt­prob­leme der Anthro­polo­gie, Freiburg i. Br. 1971
  • Grund­la­gen der Rassen­sys­tem­atik, Mannheim 1974
  • Rassen und Rassen­bil­dung beim Men­schen, Stuttgart 1979
  • Ras­sen­geschichte von Deutsch­land, in: Ras­sen­geschichte der Men­schheit, Bd 7, München 1979
  • Geschichte der Anthro­polo­gie, in: R. Knuß­mann (Hrsg.): Anthro­polo­gie. Bd 1/I, Stuttgart 1988

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Lit­er­atur:

  • Wol­fram Bernhard/ Rain­er Knußmann/ Friedrich-Wil­helm Rös­ing: Ilse Schwidet­zky 6.9.1907–18.3.1997, in: Homo 48 (1997)
  • Wil­helm Mühlmann: Ilse Schwidet­zky zum 65. Geburt­stag, in: Homo 23 (1972)