Ilse Schwidetzkys Lebenswerk galt der biologischen Anthropologie, die als Grundlagenwissenschaft für ein realistisches, konservatives Menschenbild von großer Bedeutung ist. Schwidetzky, geboren am 6. September 1907 in lissa (Provinz Posen) studierte Geschichte, Biologie und Anthropologie in Leipzig und Breslau. Seit den 1930er Jahren war sie die Assistentin des Breslauer Anthropologen Egon von Eickstedt.
1939 erfolgte ihre Habilitation, ein Jahr später heiratete sie den Kaufmann Bernhard Rösing. Der Ehe entstammen drei Kinder, darunter die Ethnologin Ina Rösing und der Anthropologe Friedrich W. Rösing. Ihr Mann kam 1944 beim Einsatz nach einem Bombenangriff ums Leben. Nach dem Krieg war Schwidetzky Dozentin in Mainz, wo das von Egon von Eickstedt neugegründete Institut für Anthropologie die Tradition des Breslauer Instituts fortführte. Nach von Eickstedts Emeritierung 1961 wurde Schwidetzky seine Nachfolgerin als Direktorin des Institutes. 1975 emeritiert, war sie noch bis ins hohe Alter wissenschaftlich tätig.
Egon von Eickstedt hatte einen ganzheitlichlichen Ansatz der Anthropologie vertreten, in dem die morphologische Gestalt, die Psyche, die Geographie und die Geschichte eine große Rolle spielten. Sie stand im Gegensatz zu der humangenetischen Schule Eugen Fischers, die sich mehr mit Einzelmerkmalen und ihren Erbgängen befaßte. Ilse Schwidetzkys führte den Eickstedtschen Ansatz fort, wobei ihre wissenschaftlichen Arbeiten sich durch unaufgeregte Sachlichkeit auszeichnen, insbesondere fehlen alle irgendwie exzentrischen Tendenzen, die für viele ihrer männlichen Kollegen charakteristisch waren.
Nachdem die deutsche Anthropologie und viele ihrer führenden Vertreter, insbesondere der Berliner Schule um Eugen Fischer, durch ihre Verstrickung in den Nationalsozialismus stark belastet waren, hatte Ilse Schwidetzky einen großen Anteil an dem Wiedererstehen der deutschen Anthropologie nach dem Kriege und ihrer Wiedereingliederung in die internationale Wissenschaft, wobei ihr Sprachkenntnisse und Kontakte zu vielen ausländischen Kollegen halfen.
Schwidetzkys Forschungsschwerpunkt war die Bevölkerungsbiologie lebender und historischer Bevölkerungen. Sie war an mehreren groß angelegten regionalanthropologischen Untersuchungen führend beteiligt: in den 30er Jahren in Schlesien und in den 50er bis 70er Jahren in Westfalen, Rheinland-Pfalz, auf den Kanarischen Inseln und auf Sardinien. In diesen Untersuchungen ging es nicht nur um die Beziehungen zwischen dem anthropologischen Merkmalsbild der Bevölkerung und der Bevölkerungsgeschichte, sondern auch um die Bedeutung sozialanthropologischer Siebungsprozesse und psycho-somatischer Korrelation.
In den 60er Jahren begründete sie eine Datenbank zur prähistorischen und historischen Anthropologie Europas, die zur Grundlage mehrerer umfassender Studien wurde. Nach dem Tod von Karl Saller übernahm sie die Herausgabe der Rassengeschichte der Menschheit, in der bis 1993 vierzehn Lieferungen erschienen und für die sie den Beitrag über Deutschland schrieb und an zahlreichen anderen Beiträgen mitwirkte. Neben ihren vielen Forschungsarbeiten verfaßte Schwidetzky mehrere thematische Gesamtdarstellungen zur Anthropologie, von denen vor allem die Grundzüge der Völkerbiologie (1950) und das Fischer-Lexikon Anthropologie (1959) hervorzuheben sind.
Die Mainzer Schule der Anthropologie war bis in die 1980er Jahre führend in Deutschland, dann wurde sie von einer Göttinger Schule mit politisch-korrekter Tendenz abgelöst, die sich von den klassischen Themen der Anthropologie abwandte und sich mehr als technische Hilfswissenschaft der Archäologie versteht.
Ilse Schwidetzky starb am 18. März 1997 in Mainz.
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Zitat:
Mit der Einschmelzung Fremder ändern die Völker Gestalt und Wesen. Das Erbgut der einst Fremden, das im neuen Volkskörper kreist, wirkt nunmehr mit an der Variabilität der körperlichen sowohl wie der seelischen Merkmale der Gruppe, von den groben Kennzeichen des äußeren Erscheinungsbildes bis zu den feinsten Charakterzügen und geistigen Hochleistungen… Dieser Wandel durch Einvolkung Fremder kann soweit gehen, daß sich im Laufe der Geschichte der biologische Inhalt, der einem Volksnamen mit aller damit verbundenen Tradition entspricht, ein völlig anderer wird.
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Schriften:
- Grundzüge der Völkerbiologie, Stuttgart 1950
- Der Mensch als Geschichtsquelle, in: Geschichtliche Landeskunde und Universalgeschichte, Hamburg 1951
- Das Problem des Völkertodes, Stuttgart 1954
- Das Menschenbild der Biologie, Stuttgart 1959 (2. Aufl. 1970)
- (mit G. Heberer u. G. Kurth) Fischer-Lexikon Anthropologie, Frankfurt a.M. 1959 (2. umgearb. Aufl. 1970)
- Hauptprobleme der Anthropologie, Freiburg i. Br. 1971
- Grundlagen der Rassensystematik, Mannheim 1974
- Rassen und Rassenbildung beim Menschen, Stuttgart 1979
- Rassengeschichte von Deutschland, in: Rassengeschichte der Menschheit, Bd 7, München 1979
- Geschichte der Anthropologie, in: R. Knußmann (Hrsg.): Anthropologie. Bd 1/I, Stuttgart 1988
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Literatur:
- Wolfram Bernhard/ Rainer Knußmann/ Friedrich-Wilhelm Rösing: Ilse Schwidetzky 6.9.1907–18.3.1997, in: Homo 48 (1997)
- Wilhelm Mühlmann: Ilse Schwidetzky zum 65. Geburtstag, in: Homo 23 (1972)